Bayerischer Rundfunk

2022-10-08 18:11:57 By : Mr. Jack Shao

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"Kultouren für alle" im Rathaussaal: Rita Heinemann (mit Krücke) und Elisabeth Tenner (blaues Kleid) sind das inklusive Führungstandem.

"Kultouren für alle" im Rathaussaal: Rita Heinemann (mit Krücke) und Elisabeth Tenner (blaues Kleid) sind das inklusive Führungstandem.

"Kultouren für alle" im Rathaussaal: Rita Heinemann (mit Krücke) und Elisabeth Tenner (blaues Kleid) sind das inklusive Führungstandem.

Menschen mit und ohne Behinderung bieten gemeinsam Führungen an. Die erste inklusive Tour geht durch das Nürnberger Rathaus. Beim Tag der offenen Tür am 16. Oktober bieten die Teams einen ganz speziellen Blick auf und in das Gebäude.

Es sind 20 Stufen, die Rita Heinemann jahrelang gestört haben. Wenn die CSU-Stadträtin von der Ehrenhalle zum Historischen Saal im Nürnberger Rathaus kommen wollte, bremste sie die Treppe aus. Es gab zwar schon lange einen Aufzug. Doch der hielt nicht auf Höhe des Rathaussaales. "Wenn man als Rollstuhlfahrer oder Gehbehinderter kam, musste man über den Lastenaufzug", erinnert sie sich an ihren Anfang vor 26 Jahren als Stadträtin in Nürnberg.

Rita Heinemann ist eine der Führerinnen der "Kultouren für alle". Sie ist gehbehindert, läuft langsam und braucht eine Krücke. Gemeinsam mit Elisabeth Tenner vom Behindertenrat der Stadt hat sie die Tour durchs Rathaus ausgearbeitet. Die beiden Frauen sind als sogenanntes Führungstandem bei der inklusiven Tour durchs Rathaus unterwegs. Die Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus hat dieses Pilotprojekt entwickelt. Beim Tag der offenen Tür am 16. Oktober ist Premiere.

Einige Tage vorher stellen Heinemann und Tenner ihre "Kultour für alle" vor. Die meisten Teilnehmer der Probeführung gehen über die Treppe zum Historischen Rathaussaal. Rita Heinemann nutzt den Aufzug, der zwei Jahre nach ihrem Einzug in den Stadtrat umgebaut wurde. Jetzt hält er direkt auch am Saal. "Ich bin froh, dass unsere gute Stube, der historische Rathaussaal, nun komplett barrierefrei ist und dass es da auch eine barrierefreie Toilette gibt", sagt sie.

Oben angekommen übernimmt Elisabeth Tenner. Sie ist auf Hörhilfen angewiesen. Ohne diese versteht sie nichts. In den vergangenen Wochen hat sie sich viel mit der Geschichte des Nürnberger Rathauses beschäftigt. "Herzlich willkommen im historischen Rathaussaal und im Rathaus. Einem Gebäude, das schon 700 Jahre alt ist", beginnt sie.

Und dann fordert sie die Teilnehmenden auf, ganz still zu sein. Bei der Probeführung ist zwar kein Blinder dabei. Aber Elisabeth Tenner bittet eine Teilnehmerin, die Augen zu schließen. Dann führt sie sie an der Hand durch den leeren Saal mit dem Tonnengewölbe. Er ist rund 40 Meter lang und drei Stockwerke hoch. Die Schritte hallen über den Steinboden. "Blinde Menschen können so eine Vorstellung von der Größe des Saals bekommen", sagt Tenner.

"Es ist gar nicht so einfach, sich auf Menschen mit anderen Behinderungen einzustellen", berichtet Tenner von der mehrwöchigen Ausbildung bei der Caritas-Pirckheimer-Akademie, an der Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen teilgenommen haben. Die unterschiedlichen Einschränkungen spielten dabei eine wichtige Rolle, sagt Projektleiterin Diana Löffler. "Dadurch profitieren alle und wissen, was der andere braucht."

An der Führung nimmt auch Gila Vanessa Fürst teil. Sie engagiert sich im Behindertenrat der Stadt und ist dort Ausschussvorsitzende für Bildung und Kultur. Sie fragt immer mal wieder nach, wenn sie schwierige Wörter nicht versteht. "Mir ist es wichtig, dass Fremdwörter erläutert werden. Ich tu' mich da wahnsinnig schwer", sagt sie. Die Tandems führen deshalb in einfacher und leicht verständlicher Sprache. Sie orientieren sich dabei an der sogenannten leichten Sprache. Auch das ist Inklusion. "Im Internetangebot der Stadt Nürnberg, gibt es ein extra Angebot in leichter Sprache", ergänzt Stadträtin Heinemann.

Das Besondere an den "Kultouren für alle" ist, dass alle Menschen beteiligt werden, sagt Ausbilderin Petra Schachner. Solche mit und solche ohne Behinderung. In dieser Form sei das derzeit einmalig in Deutschland. "Bisher ist es so, dass Bildungsangebote oder kulturelle Angebote oft entweder Menschen mit Behinderungen ansprechen oder Menschen ohne Behinderungen. Und dieser inklusive Anspruch macht jedoch Begegnungen erst möglich", sagt sie.

Die "Aktion Mensch" fördert das Nürnberger Projekt mit rund 300.000 Euro. Es läuft über vier Jahre. Bisher hat die Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus zehn Tandems ausgebildet. Sie führen beispielsweise auch durch die Straße der Menschenrechte, machen eine Zeitreise durch die Geschichte der Lebkuchen und erklären den Nürnberger Hauptmarkt. Alle Führungen sind kostenlos. Die Führungstandems werden aus den Projektmitteln bezahlt. Die Termine sind im Programm des Caritas-Pirckheimer-Hauses zu finden.

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